Predigten in bewegenden Zeiten (10) Heilig Abend | Ev. Trinitatis-Kirchengemeinde Berlin-Charlottenburg
Veröffentlicht von Rainer Leffers am Mo., 28. Dez. 2020 12:13 Uhr

Evangelische Trinitatis-Kirchengemeinde Berlin-Charlottenburg

Heilig Abend / 24. Dezember 2020

Euch ist heute der Heiland geboren."

Predigt zu Lukas 2, 10b.11

Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird, denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.

Liebe Gemeinde,

fürchtet euch nicht!“ – mit diesen klingenden Worten setzt der Engel in der Weihnachtsgeschichte ein. Die Furcht, von der er spricht, gilt ihm selbst, und gerichtet ist der Ausruf an die „Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr“ (Lk 2, 8. 9).

Was der Engel den Hirten verkündigt, ist auch uns gesagt: „Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr.“ Gott ist Mensch geworden; er hat Menschengestalt angenommen, um unseretwillen. Uns, nicht ihm, gilt dieses Geschehen: Wir sind es, die das eigentliche Ziel des Weihnachtsgeschehens bilden.

Welches ist dieses Ziel?

I.

Der christliche Glaube ist diejenige menschliche Einstellung zu Gott, in der der Mensch sich darauf verlässt, dass Gott Mensch geworden ist.

Gott ist und bleibt Mensch, damit der Mensch menschlicher sein und immer menschlicher werden kann. Der christliche Glaube hat sein Wesen und seine Bestimmung darin, recht zwischen Gott und Mensch zu unterscheiden. Er unterscheidet zwischen einem menschlichen Gott und einem immer menschlicher werdenden Menschen.

Diese Unterscheidung ist es, was den christlichen Glauben kennzeichnet. Weil wir Gottes Treue erfahren, weil wir uns seiner Nähe bewusst sind, weil das Gefühl seiner Zuwendung unsere Seele bewegt, wissen wir auch: Wir selbst müssen uns nicht zu Gott machen wollen.

Das Wesen des christlichen Glaubens ist Freude an Gott und genau deshalb Sorge für eine menschlichere Welt.

II.

Wir feiern das Weihnachtsfest in diesem Jahr unter besonderen Umständen. Weihnachten ist schon oft „unter besonderen Umständen“ gefeiert worden. Und immer hat dieses Fest über alles Schwere, Leidvolle und Bedrängende hinweg Bestand gehabt. So wird es auch jetzt sein.

Die Pandemie belastet uns. Sehr viele Menschen sind ihr erlegen; noch viel mehr sind erkrankt, auch schwer erkrankt. Aus unserem Land und aus der ganzen Welt erreichen uns schreckliche Nachrichten. Die Hilferufe aus den Krankenhäusern und medizinischen Notfalleinrichtungen, den Pflegeheimen und anderen Orten sind von verzweifelter Dringlichkeit.

Es ist sehr bedauerlich, dass auch das sonst so lebendige Geschehen in unserer Gemeinde derzeit nur noch in ganz beschränktem Umfang vor sich gehen kann. Sogar der Gottesdienst am Heiligen Abend muss einer Stillen Andacht weichen, in der wir nicht, wie sonst, mit gemeinsamem Gebet und Gesang, mit Lobpreis und Ansprache sowie den seit Kindertagen vertrauten Liedern, unserer Freude Ausdruck geben können. Doch schwerer wiegt, dass zahlreiche Menschen zu einer Einsamkeit verurteilt sind, mit der sie nicht gut zurechtkommen. Die Isolation, die Einschränkung der sozialen Kontakte ist eine der schwerwiegendsten Folgen der momentanen Situation.

Dennoch: Diese schlimme Zeit wird einmal ein Ende haben. Wir werden wieder frei zusammenkommen können, uns die Hand geben, uns umarmen und miteinander – maskenlos – sprechen und leben können.

Was wir heute aber auch bedenken wollen, das ist, dass diese Pandemie uns die Augen öffnen kann. Die Dinge, die in diesem Zusammenhang zu sagen sind, sind in den letzten Wochen und Monaten schon oft gesagt worden. Dennoch sollen sie auch hier noch einmal betont werden.

Mehr wohl als früher ist uns bewusst geworden, wie wichtig für unser gedeihliches Zusammenleben gut funktionierende, arbeitsfähige und belastbare Einrichtungen des gesellschaftlichen Lebens sind. Diese Einsicht hat Konsequenzen: Wir sehen, wie vieles im Argen liegt.

Wir sind besorgt. Mit Sorge sehen wir die Armut und die damit zusammenhängenden Folgen, die sich immer weiter ausbreiten und die in ihren Ursachen auch auf staatliches Handeln zurückgehen. Wir sind besorgt um den Zustand der Schulen und Hochschulen, des Nah- und Fernverkehrs, der Wasser- und Stromversorgung. Wir wollen, dass die Gerichte und anderen Einrichtungen der Rechtspflege gut ausgestattet sind, ebenso wie die Betreuungsstätten für Jung und Alt, für die Kranken und Pflegebedürftigen, die Kinderspielplätze, Parks und Freizeiteinrichtungen. Die medizinischen Stationen, das Sanitäts- und Gesundheitswesen, die Rathäuser und anderen Verwaltungseinrichtungen, die Wohnungsbaugesellschaften, die Sicherheitsbehörden, insbesondere die Polizei, die Museen, Sammlungen und Bibliotheken, das Straßenwesen, die Müllentsorgung – und noch so viel anderes mehr –, all dies gewährleistet unser Zusammenleben und macht es überhaupt erst möglich.

Es kann das aber nur dann gelingen, wenn alle diese Einrichtungen so ausgestattet sind, dass sie ihren Aufgaben auch nachkommen können. Doch das ist immer weniger der Fall. Es bedarf des fachlich geschulten Personals in ausreichender Anzahl und mit angemessener Entlohnung. Die Arbeit all derer, die in diesen Bereichen beschäftigt sind und sich den Aufgaben mit ganzer Kraft widmen, ist wichtig für uns alle. Es ist aber klar zutage getreten, dass diese Einsicht in den vergangenen Jahrzehnten nicht den genügenden Rückhalt in der Gesellschaft und der Politik gehabt hat.

Hier ist ein Weg gegangen worden, den wir nicht weiter verfolgen sollten. Einrichtungen der öffentlichen Daseinsvorsorge und des Zusammenlebens haben eine Zielsetzung, die nicht allein von wirtschaftlichen Interessen her bestimmt sein darf, und das muss in ihrer gesellschaftlichen Stellung zur Geltung kommen.

Aber auch im Blick auf unser eigenes Leben haben wir manches zu bedenken und wohl auch einiges zu korrigieren. Gut dran ist der, der sich sagen kann: Mein Leben verläuft so, wie ich es im Bewusstsein meiner Verantwortung vor mir selbst und den anderen führen will. Mir ist klar, worum es geht, und dem folge ich.

Vielen Menschen aber, auch solchen unter uns, ist die immer weiter zunehmende Anzahl von „Optionen“ der Lebensgestaltung zum Verhängnis geworden. Was sich als Ausdruck von Freiheit des Einzelnen zu weitgehend unbeschränkter Selbstbestimmung ausgibt, ist in Wahrheit eine Nötigung zu ständiger Neuorientierung und damit zu Selbstverlust. Wir haben es nicht gelernt, der Macht der Zerstreuung, die wahrhaft dämonisch ist, energisch zu widerstehen. Zur Ruhe zu kommen, ist für viele zu einer anspruchsvollen Kunst geworden.

Die Beschränkungen, die uns im ablaufenden Jahr aufgenötigt worden sind, können in dieser Hinsicht durchaus auch eine heilsame Wirkung haben. Es ist dies eine Chance, die wir über alle einschränkenden Verordnungen hinaus nutzen können.

III.

Denn das Leben des Glaubens, das christliche Leben, so wie wir es führen wollen, ist ein Leben in Entschlossenheit. Wir sind dazu entschlossen, uns nicht an Nichtiges zu verlieren, und schon gar nicht beugen wir uns den herabdrückenden Mächten all des Widrigen und Finsteren, von denen die Welt so voll ist. Vielmehr setzen wir geradezu unseren Ehrgeiz daran, ein klares, in sich festes, vernünftiges Leben zu führen. Unser Dasein soll hell, es soll freundlich sein; so wie auch wir selbst freundlich sein wollen zu uns selbst und zum Leben.

Der christliche Glaube, das Zutrauen zu Gott, der Mensch geworden ist um unseretwillen, kann uns die Kraft zu solcher Entschlossenheit geben. Dem festen und unerschütterlichen Vertrauen auf Gott entspricht eine Haltung des Trotzdem. Lassen Sie uns den momentanen Bedrängungen und Einschränkungen, aber auch aller immer drohenden Entäußerung an das Belanglose ein entschiedenes „Trotzdem“ entgegensetzen.

Als Christen und Christinnen sehen wir unsere Aufgabe darin, an dem Zutrauen zu Gott festzuhalten, es möge geschehen, was wolle. Für die Welt aber wollen wir uns selbst zu Zeichen der Güte Gottes machen. In unserem Leben wollen und sollen wir seine Menschlichkeit zur Anschauung bringen.

Die Worte jenes Engels: „Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr.“ sind uns gesagt. Und insofern haben wir auch in diesem Jahr wieder allen Grund und allen Anlass, uns aus ganzem Herzen der gnadenbringenden Weihnachtszeit zu freuen.

***

Wir, die drei Pfarrer der Trinitatiskirche – Carsten Bolz, Manfred Naujeck und Matthias Wolfes –, wünschen Ihnen im Namen aller, die in der Gemeinde tätig sind, ein frohes Weihnachtsfest.

Gott sei mit Ihnen auf allen Ihren Wegen.

Er segne Sie und behüte Sie.

Amen.

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